Konferenz

CHOREOGRAPHIE ALS KULTURTECHNIK
30. Januar – 1. Februar 2020

Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen

 CAKT DinA1 screen

Der Begriff des Choreographischen erfährt zurzeit eine bemerkenswerte interdisziplinäre Ausweitung: Choreographie wird als qualitative Instanz für die Analyse verschiedenster kultureller, gesellschaftlicher und ästhetischer Praktiken und Lebensformen verwandt und erscheint im Licht einer Kulturtechnik. Dabei markiert Choreographie diejenige kulturelle Instanz, die chaotische und unübersichtliche Bewegungsformen in den Fluss zu bringen, ordnen und gegebenenfalls regulieren vermag. Choreographie erhält damit geradezu eine kulturstiftende Dimension, die sie als Kulturtechnik zu denken gibt.

Welches Potential birgt Choreographie als Kulturtechnik? Welche kulturprägenden Optionen liegen in der Kunst des Choreographischen und was bedeutet dies für den Begriff der Choreographie, der eng mit den Potentialen des Körpers korreliert? Was macht Choreographie für eine Kulturtechnikforschung interessant? Vor diesem Hintergrund eröffnet die Konferenz eine kritische Auseinandersetzung mit den Funktionen, Potentialen, Zuschreibungen und Versprechungen von Choreographie.

Tatsächlich kommt Choreographie eine ästhetische und kulturelle Funktion der Ordnungsstiftung zu. Denn auf der Grundlage ihrer strukturellen Gefüge, die medial durch Notationen, scores und Handlungsanweisungen vermittelt sind, bringt das Choreogaphische Formen und Gestalten hervor. Darüber hinaus scheint die Kunst des Choreographischen eine geradezu transformatorische Organisationskraft zu besitzen, die es versteht, mit energetischen Kräften zwischen Körpern, Räumen und Zeiten ›gliedernd‹ zu wirken. Sie erscheint mitunter sogar als eine kulturprägende Instanz, die mit einer Gabe der Selbstorganisation fern subjektzentrierter Einflussnahmen ausgestattet ist.

Mit diesen Arbeitshypothesen schafft die Konferenz einen Reflexionsraum und verfolgt eine theoretische Re-kontextualisierung und kulturkritische Re-Lektüre von Choreographie. Aus kulturtheoretischer, kultursoziologischer, tanz-, theater-, medien- und kunstwissenschaftlicher Perspektive werden ästhetische und kulturelle Tragweiten der Kunst des Choreographischen diskutiert und im Kontext zu Szenographien, Erinnerungstechniken, Ausstellungskonzeptionen, Museums-Events, autobiographischen Entwürfen, Gesellschaftsformationen, Aufführungsästhetiken und digitalen tools untersucht. Erweiternd zu einem topologisch-schriftzentrierten Begriff geraten die transformierenden Anordnungsoptionen und zeit-räumlichen Dispositionen choreographierter Abläufe und Körper genauer in den Blick.

Key note: Hartmut Böhme (Hamburg) / Vorträge: Jörn Ahrens (Gießen), Lisa Beisswanger (Gießen), Gerko Egert (Berlin/Gießen), Susanne Foellmer (Coventry / GB), Sabine Huschka (Berlin), Susanne Franco (Venedig), Bojana Kunst (Gießen), Kirsten Maar (Berlin), Katja Schneider (Frankfurt), Gerald Siegmund (Gießen), Christina Thurner (Bern), Birigt Wiens (Berlin) und dem Choreographen Sebastian Matthias (Berlin)

Konzeption: PD Dr. Sabine Huschka und Prof. Dr. Gerald Siegmund
Veranstaltet vom DFG Projekt Transgressionen (HZT Berlin) in Kooperation mit dem  Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Gefördert von der Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

pdfDownload_Folder_Konferenzprogramm
pdfDownload_Abstracts und Biographien

Konferenzsprachen: Deutsch/Englisch
Für die Konferenz ist keine Anmeldung notwendig.

Veranstaltungsort:
Justus Liebig Universität Gießen
Georg Büchner Saal / Alte UB
Bismarckstraße 37
35390 Gießen

Abstracts

DONNERSTAG 30. JANUAR 2020

14:00 – 14:30
Sabine Huschka
(Berlin) / Gerald Siegmund (Gießen)
Begrüßung und Einführung

DENKENTWÜRFE UND THEORIEN

14:30 – 15:15
Gerald Siegmund
(Gießen)
Unmögliche Choreographien, Teil 2

In meinem Text „Negotiating Choreography“ habe ich Choreographie als das Resultat einer Konfrontation des sich bewegenden Körpers mit einer differentiellen Struktur zu bestimmen versucht. Der Versuch zielt darauf ab, Choreographie nicht einseitig als limitierende Vor-Schrift, die den Körper einfängt und in den Dienst des (Staats-)Apparates stellt, sondern als eine aktive, produktive und potentiell widerständige Tätigkeit zu verstehen. Diese Begegnung zwischen Körper und Struktur (kulturellen Texten, Objekten und Maschinen in ihren Anordnungen) begreife ich als widerständig, weil kein Körper die Struktur je repräsentieren oder gar erfüllen kann. In der Begegnung, die stets nur ein Annähern und damit auch ein Scheitern bedeutet, entsteht ein „choreographischer Text“, der das tanzende Subjekt in Abhängigkeit von der Struktur und gleichzeitig inkompatibel mit ihr als gesellschaftliches Subjekt allererst hervorbringt. Der Vortrag fragt nach den Möglichkeiten, eine solche Definition von Choreographie als grundlegend für kulturelle Prozesse zu verstehen. Choreographie im ästhetisch-künstlerischen Kontext reflektierte dann lediglich auf generelle Subjektivierungsprozesse, indem sie deren Konstruktion einsichtig macht.

15:15 – 16:00
Birgit Wiens
(München/Berlin)
Interdependenzen zwischen Choreographie und Szenographie in der Gegenwartskunst

Sowohl der Begriff ‚Choreographie‘ als auch der der ‚Szenographie‘ haben in den Künsten der Gegenwart, weit über das Theater hinaus, eine Aufweitung auf benachbarte Kunstfelder (Ausstellung, Museen) sowie diverse Alltagsfelder erfahren. Entsprechend, jedoch in der Theoriediskussion bisher unverbunden, bemüht man sich seit einiger Zeit um Redefinitionen beider Begriffe. Wie auch das Tagungskonzept nahelegt, ist da zum einen die Abkehr vom Verständnis der Choreographie als Vor-Schrift und Beschreibung von Bewegung (die in Aufführungsereignissen tänzerisch einzulösen wäre), zugunsten der Auffassung von Choreographie als Organisationsform und „zeit-räumliche Dispositionen choreographierter Abläufe und Körper“ (Huschka/Siegmund), die demnach als Gefüge von Relationen und kulturtechnischen Operationen zu denken sind und transformatorische Prozesse in Gang setzen. Die Szenographie wiederum, die ereignisbezogen Räume konzipiert, sieht ihre Aufgabe nach heutiger Auffassung längst nicht mehr darin, in Dramentexten oder Plots vorgegebene Spiel- bzw. Handlungsorte in (Kulissen-)Bildern zu repräsentieren, sondern begreift sich vielmehr als Kunst, die alle Aspekte von ‚performance environments‘ konfiguriert und gestaltet (i.e. scenic space, embodied action, material, clothes, technical media, light, sound) und im Ereignisablauf gleichsam ‚orchestriert‘ (McKinney/Butterworth 2009/2015). Das Szenographische, wie es heute auf vielerlei kulturellen Feldern auftritt, wäre demgemäß, ähnlich dem Choreographischen, nicht allein im Sichtbaren, sondern vornehmlich imperativen zu eruieren, nämlich als „mehr oder weniger sichtbare Strukturierung, Programmierung einer Interaktionssituation, (...) eines Settings oder Plattform“ (P. Scorzin 2011), die – sei es im Theater- oder etwa auch im Ausstellungskontext – Aktion, Bewegung und Wahrnehmungen beeinflusst, steuert, aber auch Möglichkeiten der Partizipation, Reflexion, Kreativität, gemeinschaftlichen Wissensproduktion eröffnet. Der Beitrag zielt – in einer Reihe von Case Studies (u.a. von Arbeiten Anne Imhofs) – darauf, die These von der Interdependenz des Szeno-/Choreographischen zu präzisieren; eben hier, so auch die Vermutung, werden materielle, architektonische, technologische und diskursive Ordnungen, Bedingungen und Grenzziehungen markiert und potenziell kenntlich, unter denen Körper, Identität sich konstituiert bzw. widerständig zeigt.

16:30 – 17:15
Bojana Kunst
(Gießen)
On Knots and Strings of Practice: Choreography and Arachnology

In my lecture, I would be starting from a specific notion of choreography, coming from a studio practice, where choreography can be entangled with dance through the notion of practice to the point of indistinction.  This approach also opens an interesting perspective on the choreo-graphy as a cultural technique. As practice, choreography takes place and time in-between bodies, environments, materials and atmospheres, and is in this sense very much intertwined with the very practice of dance. Especially I’m interested here how such practice of choreo-graphy echoes in some explorations of relational material culture, which wants to shift the epistemological questions of how do we know and feel to the situations of practice, and open the capacity of thinking and observing within relational complexity of the situation. I would like to present several analogies between recent proposals in anthropology (Ingold), epistemology (Harraway, Tsing) and choreography as practice, examining the consequences of proximity between choreography and radical entanglement. 

17:30 – 18:30
ABENDVORTRAG: KEY NOTE:  Hartmut Böhme
(Hamburg)
Choreographie als Kulturtechnik – ein neuer Ansatz in der Kulturtechnik-Forschung?

Ich werde von einem weiten Begriff des Choreographischen ausgehen, der nicht nur die Formen von künstlichen oder künstlerischen ‚Raumschriften’ und Raumbewegungen (vom Militär bis zur Tanzkunst) erfasst, sondern auch viele raumzeitlich gegliederte Bewegungspraktiken in alten und modernen Kulturen integriert. Es soll deutlich werden, dass das choreographische Vermögen (dynamis und energeia der gegliederten, aber auch der chaotischen Bewegung) zu den elementaren Kulturtechniken gehört. Dabei wird die Frage, wer eigentlich Subjekt des Choreographischen ist und ob es denn je ein Subjekt-Monopol im Choreographischen geben kann, zunehmend wichtig. Das berührt die noch nicht sehr alte Einsicht in die verteilten Vermögen und Energien beim Zustandekommen gegliederter Bewegungen. Ist dieses Feld eröffnet, so entsteht die weitere Frage nicht nur nach nicht-subjektiven, sondern womöglich nicht-menschlichen Agenten des Choreographischen.
Choreographie als Kulturtechnik muss sich konfrontieren mit Raum-Techniken, die gerade nicht, jedenfalls nicht durch menschliche Kultur hervorgebracht werden. Daneben werden Verhältnisse von Gestaltung und Entstaltung, von Figuration und Defiguration behandelt, auch unter der Frage, ob es das De-Choreographische gibt und was es denn sei. Das Latente und das Manifestierende sowie Skript und Performanz der Choreographie sind weitere Fragefelder. Schließlich: Ist der choreographische Raum ein exklusiver Raum oder eine Allmende, ein common ground? All das führt auf den Punkt, wo das Choreographische als Kulturtechnik nicht nur evident, sondern begrifflich bestimmt werden soll.

18:30 – 19:00    
Plenum:
Diskussion


FREITAG 31. JANUAR 2020

CHOREOGRAPHIEN IM MUSEUM

10:00 – 10:45
Susanne Franco
(Venedig)
Choreograhpy as Memoriography
Susan Foster suggests that the process of Choreographing History grants that history is made by bodies and acknowledges that the historian’s body, historical bodies, and the body of history continuously move during the choreographic process that makes them interact. We generally consider choreography as the process of making meaning by combining movement and writing. We also consider bodies as tools and modes of inquiry as much as generators of ideas and actions. Why don’t we also consider the idea that memory in dance is a vital and active force, which implies the movement of the bodies performing and perceiving it? The act of remembering does not consist of receiving an image of the past, rather of searching for the past by ‘doing something’. Therefore, remembering (like choreographing) means entering into the production of historical meaning. What, then, if we switch from our understanding of the writing about the dance’s/dancers’ past as historiography, to the retracing of this past as an ongoing (choreographic) process activated by various ways of working with dance’s / dancers’ memory? What if we name this process memoriography?

10:45 – 11:30
Katja Schneider
(Frankfurt a. M.)
„A realm of encounter, passage, and affect“. Akte der Produktion, Artikulation und Organisation von Erinnerungen, Erfahrungen und von Wissensbeständen
Der Koreanische Pavillon auf der 58. Internationalen Biennale in Venedig firmierte unter dem Titel „History has failed us, but no matter“ und präsentierte unter anderem zwei Videoinstallationen von Hwayeon Nam, Dancer from the Peninsula und A Garden in Italy, die beide ihre Perspektive auf die Tänzerin Choi Seung-hee (1911–1969) zeigten. Die in Korea geborene Choi, „one of the most luminous, incomparable, mythical East Asian Divas“, war japanische Staatsbürgerin, gründete 1946 in Pyöngyang das National Institute of Dance, wurde im Westen als asiatische Tänzerin gefeiert, propagierte den „East Asian dance“ und starb in Nordkorea, wohl inhaftiert in einem Lager. Doch nicht in erster Linie auf Chois politische Biographie fokussiert Hwayeon Nam in ihren beiden im Koreanischen Pavillon gezeigten Arbeiten, sondern vor allem auf „mechanics of the relationship between a performance and its archive“. Mit dieser Referenz auf den »archival turn« im Tanz, situiert sich die in Korea und Berlin lebende Künstlerin in einem Feld, das – konstituiert aus Akten der Produktion, Artikulation und Organisation von Erinnerungen, Erfahrungen und von Wissensbeständen – klassische Attribute von „Kulturtechnik“ aufweist. Mein Beitrag untersucht am Beispiel des kuratorischen Zugriffs auf die Arbeiten von Hwayeon Nam die Kontextualisierung von Werken im Kontext des »archival turn« und fragt nach funktionalisierbaren Implikationen für Kulturtechniken im Tanz.

12:00 – 12:45
Lisa Beißwanger
(Darmstadt)
Museumschoreographie – mehr als eine Metapher?
Choreographie scheint aktuell in Kunstmuseen omnipräsent. Nicht nur ist dort seit etwa zehn Jahren ein regelrechter ‚Tanz-Boom‘ zu beobachten, auch der Museumsdiskurs verweist heute gerne auf das Choreographische. Hat die Kunst des Choreographischen, im Sinne einer neuen Kulturtechnik, dem musealen Ausstellen also eine neuartige Qualität verliehen? Oder ist ‚Museumschoreographie‘ nurmehr eine modische Metapher für etwas, das im Museum schon immer gängige Praxis war? Um solchen Fragen nachzugehen, wird dieser Vortrag einen Blick zurück in die Museums- und Ausstellungsgeschichte des 20. Jahrhunderts werfen. Anhand einiger konkreter Beispiele lässt sich zeigen, dass, mit einer zunehmenden Erfahrungsorientierung in den bildenden Künsten, auch Museen immer ‚lebendiger‘ wurden (von der Museumsarchitektur, über das Ausstellungsprogramm bis hin zum Besucher*innenservice). Es scheint, als habe dieser ‚Verlebendigungsprozess‘ zu einer neuen Sensibilität für die Gestaltung von Erfahrung geführt und damit zu einer Annäherung des Kuratorischen und des Choreographischen beigetragen.

12:45 – 13:00
Kurzes Plenum:
Diskussion  

KÖRPER, MACHT UND GESELLSCHAFT

15:00 – 15:45
Jörn Ahrens
(Gießen)
Nicht nur die Menschen am Sonntag. Ästhetische Formationen von Gesellschaft
Gesellschaft als Institution formt Menschen, sie erfindet Bewegungen und Bewegungsabläufe, sie entsteht aus und über Performativität und Raum(an)ordnungen.
Dass Gesellschaft außerdem eine ästhetische Dimension inhärent ist, wurde wiederholt hervorgehoben. Die Ordnung der sozialen Dinge folgt nicht nur einer spezifischen Ästhetik, sondern bringt diese im lebensweltlichen Vollzug auch hervor; Gesellschaft ist nicht denkbar ohne eine Ästhetik, die sie ausmacht. Diese Ästhetik des Gesellschaftlichen wurde immer wieder dargestellt und thematisiert – in der Literatur, im Film, im Theater, auch im Tanz. Aber sind diese ästhetischen Anordnungen gesellschaftlichen Lebens auch als Choreographien zu verstehen? Oder bestehen sie im Gegenteil auf einer Differenz zum Choreographischen? Realisiert sich Gesellschaft im Unterschied zur Choreographie oder liegt ihr deren ordnendes Prinzip zugrunde?

15:45 – 16:30
Susanne Foellmer
(Coventry)
Choreographie der Dinge oder Warum der New Materialism immer noch am Menschen hängt
In jüngsten Debatten verabschieden Vertreter*innen des New Materialism eine anthropozentrische Sicht auf die Wahrnehmung von Welt und verschieben den Akzent auf Materialien, Objekte oder Dinge als Agenzien in der Produktion von Wissen. Da paradoxerweise immer noch menschliche Akteur*innen diese Diskurse etablieren, diskutieren und publizieren stellt sich die Frage, wie die Reformierung eines (letztlich noch cartesianisch induzierten) humanistischen Projekts in Richtung einer Handlungsmacht der Dinge gelingen könnte und wie folglich eine post-subjektive Erfahrung von Welt zu konzipieren wäre. Auffallend ist, dass im Angesicht dieses Dilemmas der Begriff der Choreographie (Diana Coole) oder auch des Tanzes (Donna Haraway) zu Hilfe genommen wird in Versuchen zu fassen, was dem subjektzentrierten Horizont notwendig entgehen muss. Ein scheinbarer Ausweg tut sich auf, der in Begriffen wie Arrangements oder „assembl[ies]“ (Coole) formuliert wird – Konzepte, die augenscheinlich frei sind von den anthropozentrischen Einschränkungen des sinnlichen und intelligiblen Erfahrens und Erfassens. Es bleibt dabei allerdings durchweg unklar, welche Konzepte des Choreographischen oder des Tanzes dabei zur Anwendung kommen und wie sie genau im disziplinären Transfer zu verstehen wären und mithin fruchtbar gemacht werden können. Vielmehr scheinen die Termini eher unkritisch immer dann eingesetzt zu werden, wenn es gilt, den Materialien generische semantische Kräfte zuzubilligen. Der Vortrag entwirft daher eine kritische Perspektive auf den Einsatz von Konzepten der strukturierten oder künstlerischen Bewegung im New Materialism, ohne dabei den durchaus produktiven Ansatz einer materialorientierten Sicht auf Welt zu verwerfen. In Bezug auf Überlegungen zur „posthuman choreography“ in Bühnenereignissen (Rudi Laermans) wird eine Situierung des Choreographischen in den Zwischen-Räumen von Materialien, Objekten, Dingen und Subjekten vorgeschlagen, das solche Beziehungsgefüge allererst konstituiert.

17:00 – 17:45
Gerko Egert
(Gießen)
Macht bewegt sich, Macht bewegt. Techniken einer choreographischen Politik
Der Vortrag widmet sich der Frage der Choreographie als einer Technik der Macht. In Szenarien wie Kolonialismus, Migration, Logistik und Verkehr agiert ein choreographischer Machtapparat, der sich nicht nur auf Bewegung (als zu regierendes „Objekt“) richtet, sondern in welchem Bewegung selbst zu einer Form der Macht wird. Ausgehend von Michel Foucaults Konzept einer „operationalen Macht“ und Brian Massumis „Ontomacht“, soll ein Konzept der „Choreomacht“ vorgeschlagen werden, das Bewegungen auf ganz unterschiedlichen Skalen kontrolliert und moduliert. Als eine transversal operierende Politik bildet die Choreographie eine umfassende Kulturtechnik, deren produktive wie immanenten Operationen zugleich Mikro- und Makrobewegungen adressieren. Sie agiert dabei in so unterschiedlichen Bereichen wie der Ökonomie, der Staatspolitik, der Geologie/graphie oder der Psychologie. Diese „ökologische“ (Guattari) Wirkweise der Choreomacht stellt somit auch die Grenzen der Kulturtechnik (in Abgrenzung zu den Techniken der Natur) selbst in Frage.

17:45 – 18:30
Plenum:
Diskussion

SAMSTAG 1. FEBRUAR

CHOREOGRAPHISCHE FORMATIONEN

10:00 – 10:45
Christina Thurner
(Bern)
Choreo-Graphie als Auto-Biographie Kulturtechniken, die ‚Leben‘ ‚schreiben‘
“How can I digest the many influences and traces that shaped me as a person and artist?”, fragt die Choreographin und Tänzerin Meg Stuart im Pressedossier zu ihrem Stück Hunter (2014), das ebenda als autobiographisch bezeichnet wird. Indem Stuart ihr ‚eigenes Leben‘ als performative Formation begreift und dies in einer choreographischen Arbeit auf der Bühne reflektiert, stellt sie eine Korrelation zwischen den Kulturtechniken Choreographie und Autobiographie her. Damit ist sie nicht allein. „Autobiography in/as Dance“ (Brandstetter 2018) wird im 21. Jahrhundert gehäuft praktiziert und zur Disposition gestellt. Während Stuart mit Hunter auf körperliche Verarbeitung von Leben/-sformationen zielt, setzt ein ganz anders zu situierender Choreograph, Wayne McGregor, für sein Stück Autobiography (2017) bei vitalen Ordnungssystemen an. In einer szientistischen Versuchsanlage transformiert er die Aufschlüsselung seines eigenen Genoms, die biologische Struktur seiner DNA, in ein choreographisches Verfahren. Anhand dieser beiden (und weiterer) Beispiele soll im Vortrag der Frage nachgegangen werden, wie sich die Reflexion des (eigenen) Lebens über den (eigenen) Körper zur Kunst des Choreographischen verhält beziehungsweise umgekehrt, wie die Kunst des Choreographischen zum (eigenen) verkörperten Leben in Relation gesetzt wird.

10:45 – 11:30
Kirsten Maar
(Berlin)
choreographieren / formatieren. Zur Frage nach veränderten choreographischen Formaten und ihren Wirkungsweisen
Mein Beitrag befragt das spannungsvolle Verhältnis von Choreographie und Tanz im Hinblick auf die Konsequenzen, die sich daraus für ein jeweiliges Verständnis von Kunstproduktion und -rezeption ergeben. Damit sind sowohl strukturelle Fragen des Selbstverständnisses einer Kunstform adressiert als auch – daraus resultierend – das Verhältnis von Konzept und Interpretation, wie es zwischen unterschiedlichen Wissensformen vermittelt. Impliziert ist ein oft hierarchisch gedachtes Verhältnis von Konzeptuellem und Technisch-Handwerklichem, das jedoch mannigfaltige Rückkopplungsprozesse eröffnet. Mit dem sogenannten practice-turn jedoch verschiebt sich der Fokus auf Formate, die nicht mehr nur angesichts veränderter Arbeitsbedingungen den Fokus vom projektorientieren Arbeiten zum Prozess hin verschieben, sondern diesen bis in die Rezeption hinein in Workshops, durational Performances, Recherche-basierte Plattformen verlängern, worüber hierarchische Formen der Anordnung aufgehoben werden und stattdessen spezifische Formen der Versammlung geschaffen werden. Solch langfristige ’ecologies of practice’ fokussieren die Kräftefelder zwischen Kunst und sozialem Umfeld und fordern bislang gültige Kategorienbildungen  heraus.

12:00 – 12:45
Sebastian Matthias
(Hamburg)
#waitanddance – Angleichungen auf TikTok
TikTok ist eine Musikvideoplattform, die Usern ermöglicht kurze Videos, aufzunehmen, zu teilen und mit ihnen zu interagieren. Durch verschiedene Hashtags und ‚Challenges’ werden Videos miteinander verknüpft und User global in Beziehung zueinander gesetzt. Virtuell ‚lokale’ Gruppen können so zusammen singen, tanzen oder Quatsch machen. Tanzvideos von Fortnite-Tänzen oder dem Melbourne-Shuffle haben einen Anteil am Erfolg der App, die im Februar 1 Milliarde mal heruntergeladen wurde. Algorithmus, künstliche Intelligenz und Aufbau der Videoplattform scheinen dabei ähnlichen Organisationen zu unterliegen, wie sie bei menschlich-choreographischen Praktiken im Clubtanz nachzuweisen sind. In meinem Vortrag möchte ich die Beziehung zwischen Tanzschritt, Interface, und Konsumverhalten aus der Perspektive von Groove nachzeichnen und herausstellen, dass choreographische Organisationsformen dem Erfolg des globalen Unternehmens zu Grunde liegen.TikTok kann eine Perspektive auf die Kunst des Choreographischen als digitale Kulturtechnik eröffnen, in der Technologie sich menschlich-körperlichen Mechanismen zu nutze macht und gleichzeitig wie digitale Charakteristika Körper neu choreographieren.

12:45 – 13:30
Plenum:
Abschlussresumée

 

KURZBIOGRAPHIEN

Jörn Ahrens ist Professor für Kultursoziologie mit Schwerpunkt Transformation von Kulturen am Institut für Soziologie der Justus-Liebig-Universität Gießen & Extraordinary Professor of Social Anthropology, North West University, Südafrika. Habilitation 2006, Humboldt-Univer-sität zu Berlin, über ethische und kulturanthropologische Effekte der Lebenswissenschaften; Promotion 1999, Freie Universität Berlin, zur Soziologie des Selbstmords. Arbeitsschwerpunkte: Gesellschaft, Angst, Gewalt; populäre Medien und Kulturen (Film, Comic); Natur & Kultur; Kultur- und Sozialtheorie. Publikationen u.a.: Überzeichnete Spektakel. Die Inszenierung von Gewalt im Comic, Baden-Baden 2019: Nomos; „Die unfassbare Tat.“ Gesellschaft und Amok, Frankfurt /New York 2017: Campus; Einbildung und Gewalt. Film als Medium gesellschaftlicher Konfliktbearbeitung, Berlin 2016: Bertz + Fischer; (Hg. mit S. Martin, P. Fleming, U. Vedder) „Doch ist das Wirkliche auch vergessen, so ist es darum nicht getilgt“. Beiträge zum Werk Siegfried Kracauers, Wiesbaden 2016: Springer VS.

Lisa Beißwanger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Architektur- und Kunstgeschichte des Fachbereichs Architektur an der TU Darmstadt. In ihrer Dissertation „Performance on Display“ befasste sie sich mit ‚lebendiger Kunst‘ in Museen der 1970er-Jahre. Nach ihrem Studium der Kunstgeschichte in Freiburg im Breisgau war sie an der Schirn Kunsthalle Frankfurt tätig sowie als Mitarbeiterin am Institut für Kunstpädagogin der JLU Gießen.

Hartmut Böhme, Prof. em. Dr. phil., war von 1977-93 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg, 1990-92 Fellow am Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen und ab 1993 Professor für Kulturtheorie und Mentalitätsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zugleich Gastprofessuren in New York 1996 und 1998 sowie in Japan 2002. War zudem Projektleiter im DFG-Sonderforschungsbereich „Kulturen des Performativen“, ab 1999 Betreuer im Graduierten-Kolleg „Codierungen der Gewalt im medialen Wandel“ und ab 2005 Sprecher des DFG-Sonderforschungsbereichs „Transformationen der Antike“.

Gerko Egert ist Tanz- und Performancewissenschaftler und arbeitet an der Justus-Liebig-Universität Gießen zur Macht der Bewegung u.a. in Migration, Kolonialismus und Logistik. Seine Forschungsinteressen umfassen Philosophien und Politiken der Bewegung, menschliche und nicht-menschliche Choreographien, Prozessphilosophien sowie (spekulativen) Pragmatismus, vor allem in den Arbeiten von Deleuze und Guattari. Publikationen u.a.: Berührungen. Bewegung, Relation und Affekt im zeitgenössischen Tanz (2016/engl. 2019). www.gerkoegert.net

Susanne Foellmer ist Associate Professor in Dance, Coventry University, Centre for Dance Research (C-DaRE), UK. Forschungsschwerpunkte: Zeitgenössischer Tanz und Performance sowie die Weimarer Zeit mit Fokus auf Körperkonzepten und ästhetischer Theorie, Tanz im Kontext von Medialität und Politizität sowie Historizität darstellender Künste. Von 2014-18 Leitung des DFG-Forschungsprojekts „ÜberReste. Strategien des Bleibens in den darstellenden Künsten“. Außerdem Arbeit als Dramaturgin und künstlerische Beraterin, u.a. für Helena Botto, Tanzcompagnie Rubato, Isabelle Schad, Meg Stuart, Jeremy Wade. Aktuelle Publikationen u.a.: Performing Arts in Transition. Moving Between Media (Hg., mit Maria Katharina Schmidt/Cornelia Schmitz), Abingdon: Routledge, 2019; Media Practices, Social Movements, and Performativity (Hg, mit Margreth Lünenborg/Christoph Raetzsch), Abingdon: Routledge, 2018; On Leftovers (Hg., mit Richard Gough), Performance Research 22(8), 2017; im Erscheinen (2021): On Remnants and Vestiges. Negotiating Persistence and Ephemerality in the Performing Arts. Abingdon: Routledge.

Susanne Franco is Associate Professor at Ca’ Foscari University of Venice. Her main interests are modern dance and contemporary dance, and research methodologies. She currently coordinates the Ca’ Foscari unit of the Creative Europe project “Dancing Museum. The Democracy of Beings” (2018-2021), and she is Principal Investigator of the international research project “Memory in Motion. Re-Membering Dance History” (2019-2021). As curator she collaborates with Palazzo Grassi (Venice), Fondazione Querini Stampalia (Venice), Lavanderia a Vapore/Fondazione Piemonte dal vivo (Turin), and with Roberto Casarotto she has been in charge for the contemporary dance programme at the Hangar Bicocca (Milan).

Sabine Huschka leitet als Tanz- und Theaterwissenschaftlerin z.Zt. das DFG-Forschungsprojekt Transgressionen. Energetisierung von Körper und Szene am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz der Universität der Künste Berlin und gehört als assoziiertes Mitglied dem Graduiertenkolleg „Das Wissen der Künste“ der UdK an. Habilitiert im Fach Theaterwissenschaft an der Universität Leipzig mit einer Studie zur Wissenskultur Tanz: Der choreografierte Körper im Theater hatte sie diverse nationale und internationale Vertretungsprofessuren für Performance Studies, Theater- und Tanzwissenschaft inne. Wichtigste Publikationen: Hrsg. mit Barbara Gronau): Energy and Forces as Aesthetic Interventions. Politics of Bodily Scenarios (transccript 2019); Wissenskultur Tanz. Historische und zeitgenössische Vermittlungsakte zwischen Praktiken und Diskursen (transcript 2009); sowie die Monographie Choreographierte Körper im theatron. Auftritte und Theorie ästhetischen Wissens (epodium 2020).

Bojana Kunst ist Philosophin, Tanz- und Performancetheoretikerin und Dramaturgin. Sie ist Professorin am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universitat in Gießen und Direktorin des Internationalen Masterstudiengangs Choreographie und Perfor-mance. Sie widmet ihre Forschungsarbeit und ihre Unterrichtstätigkeit vor allem der Philoso-phie, der Theorie des Körpers, theoretischen Konzepten der Choreographie und der Drama-turgie. In den letzten Jahren verschrieb sie sich vor allem der Reflexion umfassenderer ästhetischer und politischer Prozesse in der Choreographie und der darstellenden Kunst. http://kunstbody.wordpress.com

Kirsten Maar ist Juniorprofessorin für Tanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Von 2007-2014 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am SFB 626 »Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste« ebenfalls an der FU Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen choreographische Verfahren im 20. Jahrhundert, Entgrenzungen zwischen Choreographie, Architektur und Kunst sowie Raumkonzeptionen und deren kinästhetische Erfahrung.

Sebastian Matthias, arbeitet seit 2010 als freischaffender Choreograph und seit 2019 als Post-Doc im Forschungsprojekt Participatory Art Based Research der HCU Hamburg. Er studierte Tanz an der Juilliard School in New York und absolvierte seinen Master in Tanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Sein Dissertationsprojekt erschien 2018 unter dem Titel Gefühlter Groove – Kollektivität zwischen Dancefloor und Bühne bei transcript.

Katja Schneider ist Professorin für Tanztheorie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Von 2004 bis 2019 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie promovierte 1996 in Neuerer Deutscher Literaturwissenschaft mit einer interdisziplinären Arbeit zu dem Theaterautor Johann Christian Krüger und habilitierte sich 2013 mit der SchriftTanz und Text. Figurationen von Sprache und Bewegung, München 2016. Als Redakteurin arbeitete sie für die Fachmagazine tanzdrama, tanzjournal und tanz (1992–2012), als Dramaturgin ist sie für das Münchner Festival »Dance« tätig. Jüngste Publikationen: (Hg.): Das Rauschen unter der Choreographie. Überlegungen zu Stil, Tübingen 2019; (Hg. mit Burcu Dogramaci):»Clear the Air«. Künstlermanifeste seit den 1960er Jahren. Interdisziplinäre Positionen, Bielefeld 2017; (Hg. mit Gabriele Brandstetter): Sacre 1913/2013, Freiburg im Breisgau/Berlin/Wien 2017.

Gerald Siegmund, Studium der Theaterwissenschaft, Anglistik und Romanistik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, ist Professor für Angewandte Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Von 2015 bis 2018 war Gerald Siegmund Leiter des DFG-Projekts „Theater als Dispositiv“. Er ist Mitglied der dezentralen DFG-Forschungsgruppe „Krisengefüge der Künste“ an der LMU München. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Theater seit den 1960er Jahren, Theatertheorie, Ästhetik, Entwicklungen im zeitgenössischen Tanz und im postdramatischen Theater im Übergang zur Performance und zur bildenden Kunst. Von 2012 bis 2016 war Gerald Siegmund Präsident der deutschsprachigen Gesellschaft für Theaterwissenschaft (GTW). Zuletzt erschienen seine Monographie Jérôme Bel. Dance, Theatre, and the Subject, London: Palgrave Macmillan, 2017 sowie zusammen mit Rebekah Kowal und Randy Martin The Oxford Handbook of Dance and Politics (Oxford University Press 2017).

Christina Thurner ist Professorin für Tanzwissenschaft am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Bern. Forschungsschwerpunkte sind Tanzästhetiken und -diskurse vom 18. bis 21. Jahrhundert, Tanzhistoriographie und -kritik, Autobiographieforschung. Jüngste monographische Publikationen: Rhythmen in Bewegung. Äussere, eigene und verkörperte Zeitlichkeit im künstlerischen Tanz, 2017; Tanzkritik. Materialien (1997-2014), 2015.

Birgit Wiens, habilitierte Theaterwissenschaftlerin (LMU München), forscht derzeit im DFG Heisenberg-Programm mit den Arbeitsschwerpunkten Szenographie, zeitgenössisches Bühnen-/Kostümbild, Dramaturgie und Kommunikation im Raum. Das aktuell von ihr hrsg. Buch Contemporary Scenography: Practices and Aesthetics in German Theatre, Arts and Design (2019) erschien unlängst bei Bloomsbury-Methuen, London/New York: www.bloomsbury.com/uk/contemporary-scenography-9781350064485/

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.